LESEPROBE - Unser Keltisches Erbe

Wilbeth - die weisse Frau

In den Erzählungen treten immer wieder die drei Jungfrauen aus dem Nebel hervor, in langen weißen Gewändern, licht und hell. Eine von ihnen hat eine silberne Mondsichel auf der Stirn. Wenn der Hahn kräht, oder wenn das Angelus-Läuten ertönt, sind sie verschwunden. Nur selten und ganz zufällig können Menschen sie erspähen, denn sie halten sich vor ihnen verborgen. Im Sagengut unserer Heimat werden sie manchmal auch "Wildfrauen" oder "Waldfrauen" genannt, die meist in Höhlen, den "Frauenhöhlen" wohnen.

Alle diese Frauengestalten tragen die Züge der drei Göttinnen, der drei "Schieren", wie sie auch geheißen haben müssen. SCHIER (germanisch SKIRA) bedeutete ursprünglich "glänzend, unvermischt; hell, durchsichtig, weiß; ohne Makel, lauter". Damit waren zweifellos die Göttinnen-Eigenschaften beschrieben. Der Sinn des Wortes wandelte sich schließlich zu unserem Dialektausdruck "schiach" für "häßlich, grausig, widerwärtig".

Oftmals ist es nur eine einzige der drei, die "weiße Frau", die einem armen Kind erscheint und es zu sich in ihr unterirdisches Reich holt. Meist an einem Karfreitag. Da öffnet sich, wie die Sagen zu erzählen wissen, eine Felsenspalte, die vorher nie jemand gesehen hat und die später auch immer verschlossen bleibt. Im Inneren des Felsens glitzert und leuchtet es hell von Gold und Edelsteinen; eine strahlende Welt! Erst im Jahr darauf wird das Kind vor diesem Felsen wieder gefunden, meist mit einem goldenen Apfel in der Hand, dem Apfel des ewigen Lebens.

In einer Kärntner Sage führt diese Frau im weißen Gewand, mit langem, goldenem Haar, eine Schar verstorbener Kinder bei Hollenburg über die Draubrücke. Welch schöner Gedanke! Sie führt die armen Kleinen wohl in ihren himmlischen Palast, in das Reich der Holden, die "Hollen-Burg". Gedanken solcher Art mußten Eltern früh verstorbener Kinder Trost gegeben und das Einfügen in ein unabänderliches Schicksal sehr erleichtert haben.

Nach der Umwandlung der alten Religion in das Christentum wird die Funktionen der Erdmutter von der Gottesmutter Maria übernommen. Eine Sage aus der Wachau erzählt: an drei aufeinander folgenden Tagen hinderte die "weiße Frau" ein Kind am Weitergehen. Durch eine Wallfahrt des Mädchens nach Mariazell wird die Frau erlöst und später nie mehr gesehen. An der Stelle des Geschehens steht ein Bildstock, der "die weiße Frau" genannt wird und zu welchem die Bauern bis in unsere Zeit beten gehen, wenn ein Familienangehöriger schwer erkrankt ist.

Die hell strahlende Gestalt dieses Bethen-Aspektes, die den milden Schein des Mondes ausstrahlte, muß für die frühen Menschen ungemein beglückend gewesen sein, gab sie doch der dunklen Nacht, die als Zeit des Todes galt, Licht. In früherer Zeit war die Welt viel dunkler als heute, wo sie mit taghellem elektrischem Licht jederzeit rasch und einfachst beleuchtet werden kann. Die schwarze Nacht war etwas Schreckliches. Das Licht aber gab Sicherheit und Wärme; es vertrieb Finsternis, Furcht und Tod.

Wilbeth war die Göttin, welche den Lauf des menschlichen Geschickes bestimmte, vom Werden aus der Erde bis zum Zurückkehren in die Erde, in einem ewigen Kreislauf ohne Anfang und Ende.

Das Attribut der Göttin war daher das vierspeichige oder zwölfspeichige Rad, das sowohl den Jahreslauf (4 Jahreszeiten, 12 Monate) als auch den ewigen Kreislauf generell darstellte. Im Englischen heißt das Rad WHEEL, was phonetisch vollkommen dem WIL des Namens Wilbeth entspricht. Aus der keltischen Sprache kennen wir ein VEL-ES, das "der / die Sehende" bedeutet. Damit wurden die Priester, Dichter und Gelehrten bezeichnet. Das Wort VEL hängt mit "wissen", mit übernatürlicher Kenntnis und Klarheit, mit "in-die-Zukunft-blicken", zusammen. Wilbeth, die Rad-Bethe, kannte das künftige Schicksal jedes Menschen von der Geburt bis zu seinem Ende.

Das Werden-Sein-Vergehen, das sich so sichtbar im menschlichen Leben wie alljährlich in der Natur vollzog, zeigte auch der Mond allmonatlich in seinen wechselnden Phasen. Er mußte daher ihr Repräsentant sein; sie war seine Göttin. Ein Relikt der Glaubensvorstellung einer Mondgöttin ist in allen romanischen Sprachen erhalten: dort ist der Mond weiblich! Als "Frau Luna" ging er in die Dichtung ein. Die französischen Bauern sagen zu ihm "notre Dame" (unsere Frau); die portugiesischen Bauern nennen ihn "Mutter Gottes".

Im Germanischen wurde Wilbeth UUL-Beth oder JUL genannt, deren Fest zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende gefeiert wurde. Das JUL-Fest war das Fest des neu erstehenden Lichts, das Geburtsfest der nun wieder wachsenden Sonne, des neuen Sonnenkreises. Es war Wilbeths Fest. Beda Venerabilis nennt unser heutiges Weihnachten noch MODRA NIHT, die "Nächte der Mütter". Erst im 5. Jahrhundert wurde das Geburtsfest Christi auf die Zeit der Wintersonnenwende verlegt und "Weihnachten" ="geweihte Nächte" genannt.

Ein alter Volksglaube sagt, daß auserwählte Menschenkinder, die am 24.12. geboren sind, bei Vollmond um Mitternacht in der JUL-Nacht den wunderbaren, betörenden Gesang der "damischen Katl" hören können; es waren wohl die Sphärenklänge der neuen Sonne gemeint, wie Tacitus sie schon beschreibt: denn Katl ist die Kurzform für Katharina, die "Helle, Reine".

 

Bilwis, die Zauberin

Der Name von Wilbeth ist in manchen Gegenden im Volksmund als WILEWEIS, BELEWITTE, BILWIS oder BILLEWEISZ erhalten. In Ostbayern gibt es die BILMES; in vereinzelten Dialekten Österreichs die PILFAS; mittelhochdeutsch hieß sie PILWIZ, altpreußisch PILWITTE. Es sind dies Namens-abwandlungen, die "die Strahlend-Weiße", "die Hell-Wissende", "die Gute-Strahlende" bedeuten (keltisch BELE / BIL ="strahlend, heil, glücklich, gut"; keltisch UID ="weiß, weise").

Kluge vermerkt, daß das Grundwort BIL zum Stamm von "wissen" gehört und führt es auf das germanische BIL, das "Wunderkraft, übernatürliche Kraft, Wunder(zeichen)" bedeutet, zurück. Als BILETRUD hat sie sogar einen Namenstag im christlichen Kalender, den 6.1.! Es ist dies der Festtag der Erscheinung des Lichts, denn Epiphanie heißt "Erscheinung".

Die Kärntner Sagen berichten uns, daß die Billeweiß - die auch die "hadische Frau", = die Heidenfrau, genannt wird - von zartem, feinem Körperbau wäre, daß sie langes, herabwallendes, goldenes Haar und ein blasses Gesicht hätte. Auf dem Kopf trüge sie eine Spitzhaube.

Immer wird sie als freundlich beschrieben und daß sie besonders den Hirten und Bauern zugetan sei. Sie kündigt ihnen die Zeit der Aussaat an und den Tag der Geburt ihrer Kinder!

Die Sagen erzählen, daß sie auf Felsen sitzt und ihr blondes Haar kämmt, ähnlich der Lorelei, die auf dem Rheinfelsen dasselbe tut und die Schiffer mit ihrem Gesang sehnsuchtsvoll und liebeskrank macht und sie zu sich in ihr Reich lockt. (Lorelei heißt bretonisch LOUARLECH, was "Mondstein", "Stein des Mondes" bedeutet).

Manche Sagen über die Bilwis weisen auf vorchristliche Göttinnenvorstellungen hin. Fallweise wird sie als schwarz bekleidet mit hellem Gesicht beschrieben und daß ihr kleine schwarze Hunde folgten, ähnlich der griechischen Todesgöttin Hekate. So besucht sie die Kärntner Bauernhöfe, trocknet die Windeln der Kinder und trinkt Milch. In wenigen Sagen nimmt sie von den Herden der Hirten ein Tier, ißt es und überzieht anschließend die übrig gebliebenen Knochen mit der Haut, worauf das Tier wieder zu Leben gelangt.

Und manchmal heißt es, daß zwei oder drei dieser Frauen zusammen in Steinhöhlen wohnen, die die Menschen "Frauenlucken" nennen. Es ist dies sicherlich ein fernes Erinnern des Volkes an die Muttertrinität und die alten Kulte in den Mutterkulthöhlen.

Laut Brockhaus, Ausgabe 1967, ist der Bilwis eine Gestalt des Volksglaubens, ein Dämon, der durch seine Geschoße Krankheiten bewirkt. In Kärnten sieht man in ihm manchmal einen Dämon, der im Wirbelwind daherkommt und allerlei Gliederreißen (rheumatische Schmerzen) verursacht. Fallweise wird auch der Sonnenstich auf seine Einwirkung zurückgeführt. Durch Räuchern mit bestimmten Kräutern und Rinden kämpft man gegen diese Krankheiten und den Dämon an. Zur Abwehr werden in manchen Gegenden "Pilfas-Buschen" aus dürrem, verwachsenem Fichten- und Tannenastwerk über die Haustüren genagelt, richtige Schreckbuschen, oder man führt das "Aufbeten" mit eigenen alten Bannformeln durch.

In einigen Gegenden Österreichs versteht man unter Bilwiß einen bösen Korndämon, dessen Bosheit und Tücke sehr gefürchtet ist. Nachts, wenn kein Mond am Himmel steht, geht er auf die Getreidefelder und beißt die Halme des Getreides ab. Dies tut er besonders in der Walpurgisnacht, 30.4. (die Nacht vor dem Beginn des keltischen Sommerhalbjahres, welche zu den heiligsten Nächten gehörte) und in der Johannisnacht, 24.6. (Sommersonnenwende). In einigen Erzählungen ist er ein Hexer oder eine Hexe, deren nächtliche Mähgänge als Streifen geknickten Getreides zurückbleiben.

In Deutschland wird die Bezeichnung Bilwis für "Hexe, Kobold, Zauberer" in dem schon erwähnten negativen, abwertenden Sinn gebraucht. Dazu schreibt Kluge: "Der Name dieses Dämons... tritt überhaupt in vielfältiger Variation auf, der man die für das Volk völlige Undurchsichtigkeit der Etymologie anmerkt; aber auch die Forschung hat sich seither lebhaft darum gestritten".

Die ältesten Zeugnisse über den Bilwis stammen aus dem 13. Jahrhundert. Grimm zitiert aus "Fastnachtspiele", ein Werk, das im 15. Jahrhundert geschrieben worden ist: "die do sagen, das sie mit der Perchten und bilbissen oder truten farn auf den Pruckelperg ..."

Das muß uns aufhorchen lassen. Denn die Percht, das ist die strahlende Bethe, die göttliche Mutter Natur; Bilbiss ist die Wilbeth, der jugendlich-helle Aspekt der Göttin-Triade, die das Leben neu erwachen läßt; und Trut geht auf die Druiden, die keltischen Priester zurück! Eindeutige Hinweise auf die vorchristliche Religion, deren nächtliche Messen auf dem Brocken (dem "Pruckelberg") abgehalten worden sind.

Manche Sagen erzählen, daß die Bilwisse aus dem Wasser kommen oder aus dem Fels heraussteigen können. Diese beiden, Wasser und Fels, waren wesentlich für die Sakralorte der Großen Mutter! Und auf die Muttergöttin weisen auch Südtiroler Sagen hin: "Willeweis" heißt am Schlern eine der "drei Waldfräulein". Dort machen auch Hexen und Truten die Gegend unsicher, vor denen, wie Fink berichtet, jeder Christenmensch nach dem Gebetläuten ins Haus floh. Und ähnlich wie in Südtirol trägt in der uralten Keltengegend um Sankt Georgen am Kärntner Längsee eine der "Saligen Fräulein" den Namen "Wileweiß".

Im angelsächsischen Bereich bedeutet der Ausdruck BILEWIT "ehrlich, rein, gütig" und hat damit den ursprünglichen Wortsinn, die Achtung für die verehrte Göttin, trotz der Wertumkehr anläßlich der Christianisierung, bewahrt.

  

Schneewittchen

Vielleicht sollte in diesem Zusammenhang auch das Märchen von Schneewittchen erwähnt werden, dessen Aussehen die Züge der Bethen trägt, "so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz", und dessen Name Schnee-Wit im Sinne von strahlend-weiß, von leuchtend-hell, von "licht und rein wie Schnee", sowie "weise, wissend" (WIT= UID), verstanden werden sollte. Viele Symbole lassen die strahlende Göttin erkennen: die häufig vorkommende heilige Zahl 7 (7 Berge, 7 Zwerge) ... der ewiges Leben bringende Apfel (ein Sonnensymbol) ... der Spiegel, der ein Seelenspiegel war und das Leben reproduzierte (in den Dionysos-Mysterien war er Sinnbild von Geburt und Wiedergeburt) ... die Zwerge, welche mit der Göttin im unterirdischen Reich wohnen ... der gläserne Sarg, der das gläserne Reich einschloß, in welchem die Göttin schlief, bis sie wieder zur Welt kam ...

Schneewittchen ist im Märchen -unausgesprochen- das starke und siegreiche junge Mädchen, das trotz all ihrer Weichheit und Lieblichkeit das Böse und Bedrohliche zu überwinden vermag, die sanft und machtvoll zugleich ist. Sie besiegt es nicht durch Kraft oder Schläue, sondern durch Bitten, Liebreiz und ehrliches Bemühen! Gemeinsam mit ihrem tapferen, jungen Heros, der sie aus ihrer todesähnlichen Jenseitsphase wieder auf die Menschenwelt zurückholt, und zwar durch die lebenserhaltende Liebe, wird sie zuletzt als Königin über die Menschen der diesseitigen Welt herrschen.

Hilfe mußte von den Zwergen, den elfischen Wesen aus dem unterirdischen Reich der Erdmutter kommen. Sie sind die Begleiter der Göttin, die Wächter der jenseitigen Welt und der Schätze, die sie birgt. Sie kennen ihr Geheimnis und haben das Wissen um die wunderbare in der Erde sich vollziehende Erneuerung, die wieder zu strahlendem, überirdischem Leben führt.

In einigen österreichischen Märchenvarianten liegt Schneewittchen nicht in einem gläsernen Sarg, sondern in einem Glasschloß, manchmal sogar im Glasberg, wodurch ihre Göttinstruktur viel unmißverständlicher zum Ausdruck gebracht wird.

  

Sankt Katrein und Maria-Schnee leuchten ins Tal herab

Wilbeth wurde zur christlichen Katharina, deren Name "die Reine, Helle" heißt und die das Lebensrad, das Symbol der Wilbeth, in Händen hält. Zwar ein zerbrochenes Rad ... es war ja nun eine andere Religion im Land!

In einigen alten bretonischen Kirchen, wie zum Beispiel in Quimper oder in Ker-Nascledan, trägt allerdings Katharina ein unzerbrochenes Rad! Es ist das keltische Radkreuz mit den vier Speichen, das sie in der Linken hält, in der rechten Hand ein Schwert, durch das sie sich als starke, siegreiche junge Frau ausweist.

Ähnlich tragen auch die drei Bethen in Meransen auf ihren Kronen das keltische Radkreuz, das alte Zeichen für den ewigen Kreislauf und die Ordnung. An manchen Orten, wie in Klerant, sind die Kronen mit dem Irmin-Zeichen geschmückt, aus welchem sich später die Bourbonlilie entwickelte, wie Ferdinand Seitz in seinem Büchlein "Die Irminsul im Felsrelief der Externsteine" nachgewiesen hat.

Die Orte, an welchen Wilbeth verehrt worden ist, lagen fast stets auf extrem steilen Bergen oder vorgeschobenen Hügelspitzen, auf welchen jetzt meist Katharinen-Kapellen stehen. Als Beispiel möchte ich St.Katrein im Südtiroler Schnalstal anführen, zu dem man bis vor kurzem nur mühsam über einen beschwerlichen, sehr steilen Fußweg inmitten des vermurten, hochgelegenen und unzugänglichen Schnalstales gelangen konnte, ehe vor wenigen Jahren das Tal durch einen Straßenbau erschlossen worden ist. Dort ragt die Katharinen-Kirche wie eine große, spitze Nadel hoch auf dem Bergsporn in den Himmel.

Aus dem österreichischen Bereich seien St.Kathrein am Hauenstein und St.Kathrein am Offenegg (die im Namen erhaltene Opfer-Höhe!) erwähnt, die ebenfalls auf extremer Lage über Steilhängen liegen, ähnlich wie St.Katharein an der Laming oder das kleine Katharinen-Kapellchen am oberösterreichischen Mondsee, das Endpunkt der lokalen Wallfahrten im Frühling ist und in welchem die Maiandachten abgehalten werden. Denn vor Beginn der Wachstumsperiode gingen die Leute zur jungen, starken, strahlenden Göttin, um deren Segen für Gedeihen in Haus, Stall und Feld zu erbitten.

Auf dem Kathreinkogel oberhalb Velden am Wörthersee wurden Relikte aus der Bronzezeit, der Hallstatt- und Latènezeit sowie von den Römern sichergestellt. Es ist dort eine Zisterne in den Felsen geschlagen, die fast 80.000 Liter Wasser faßt.

Eine der ältesten Kirchen von Krems, die an der höchstgelegenen Stelle im Viertel "auf der Burg" liegt, ist die Katharinenkapelle. Dieser Stadtteil, auf 30m hohen Felsen errichtet, bildet den ältesten Kern der Stadt Krems. Erst später entstand die Stadtpfarrkirche am Frauenbergplatz (!) mit einer Kirchensiedlung herum.

Vom Tiroler Kirchlein St.Kathrein am Schart, "wo einst die Sonne verehrt worden ist", erzählt die Sage, daß man dort eine Jungfrau mit wütendem Gesicht nach der Burg ihres treulosen Geliebten blicken sieht, die dann in der Luft fortschwebt, leicht über die Berge hinfliegend! Wenn sie sich auf der Infingerspitze niederläßt, gibt es ein Gewitter. Diese Sage schildert die Zeit der Sommersonnenwende, wenn die Kraft der Sonne nachläßt und sie hinter bestimmten Kalenderbergen untergeht.

Als Beispiel aus Frankreich:

Die reizvolle Holzkirche Ste. Cathérine über dem alten normannischen Hafen von Honfleur, liegt auf einem steilen kleinen Hügel, der aber - da er überall dicht verbaut ist - nicht mehr so deutlich ins Land ragt. Nachkommen der normannischen Schiffer haben nach ihrer bewährten Bootsbaumethode diese einzigartige Kirche in reiner Holzbauweise errichtet, damit von ihrem Hügel aus "die Reine" den alten Atlantikhafen überwacht und die Meeresfahrt beschützt. Im Kircheninneren ergänzen eine "Notre Dame à Grace", = eine Gnadenmadonna mit dem Kind, sowie eine dunkle St. Anna, vor welchen Statuen ständig Kerzen brennen, die frühere Mutter-Triade.

Wie lange noch eine im vorchristlichen Sinn verstandene Katharina angebetet worden ist, kann man aus dem berühmten bretonischen Calvaire von Catell-Gollet ablesen: dort wird Katharina als nacktes Mädchen dargestellt, das eben vom Höllenschlund verschluckt wird, wobei einige Teufel es mit Spießen und Krallen traktieren. Der Grund für diese grausige Mißhandlung ist der Legende nach der, daß sie dem Priester in der Beichte nicht ihre Liebschaften gestanden hat.

Diese Legende hat mit dem Neuen Testament nichts zu tun. Es sollte dem Volk damit vor Augen geführt werden, was mit den vorchristlichen Göttinnen geschieht, zu deren Fruchtbarkeitsritus die Liebe, weil lebenserhaltend, als Teil der Kulthandlung gehört hat, sodaß sie nicht als Sünde verstanden worden ist! Es muß erwähnt werden, daß die ältesten Calvaires erst am Ende des 17.(!) Jahrhunderts errichtet worden sind.

Vermutlich sind manche der heiligen Plätze, die der hellen Wilbeth geweiht waren, später vom Christentum als "Maria Schnee" übernommen worden. Denn diese Maria-Schnee-Kapellen und Kirchen liegen an ähnlich exponierten Höhenplätzen wie die Katharina-Kirchen. Sie sind oftmals entfernt von Dörfern und Weilern auf vorspringenden Bergnasen errichtet. Der Name "Maria Schnee" gibt wieder die wie Schnee hellstrahlende starke junge Göttin an, als welche auch Maria dargestellt ist: sie trägt das strahlend-weiße, makellose Kleid der mädchenhaften Göttin und den hellblauen Mantel in der Farbe des Himmels. Um ihren Kopf strahlen die Sterne des Firmaments als Sternenaura. Archäogeodäten haben zu überlegen gegeben, ob Kirchen dieser Art nicht über früheren Vermessungspunkten oder exponierten Peilsteinen errichtet worden sein könnten und deren Sakralität fortsetzen. Diesbezügliche Untersuchungen sind noch ausständig.

Daß die Maria-Schnee-Kirchen alte, vorchristliche Kultstätten fortsetzen, beweist "Maria Schnee" im ehemaligen Deutsch-Böhmen: dort steht ein großer Steinblock in einer Nebenkapelle, der durch einen Mittelspalt geteilt ist und viele in den Stein gehauene Schalen aufweist, in welche früher Getreide und Kerzen geopfert worden sind.


Sonstige Wilbeth-Orte

Es sei der Südtiroler Bauernhof Villpéder erwähnt, der Wilbeth's Name phonetisch vollkommen unverändert trägt. Er liegt auf steilstem Hang hoch oberhalb von Lüsen, mit einer kleinen Marienkapelle auf dem Bergsporn davor und überblickt nicht nur das Lüsenertal sondern auch weite Teile des Eisacktales von seiner sonnenbeschienenen, himmelsnahen Höhe aus. Es ist der höchstgelegene Hof von Lüsen. Neben einem tiefer liegenden Bauernhaus ist eine Höhle, von der die Sage erzählt, daß von dort ein unterirdischer Gang direkt in die Küche des Villpéder führt.

Im südbayerischen Raum geht ein Flurname Fibet auf die Wilbeth zurück, die eine der drei Stifterinnen eines riesigen Gemeindewaldes gewesen sein soll.

Oftmals wurde der Name von Wilbeth in Wilhelm umgewandelt, wie man es im Kärntner Ort Gräbern feststellen kann, wo in der hochgelegenen, einsamen, alten Kirche Keltensteine eingemauert sind, ein "Wilhelm-Stein" ins Brauchtum einbezogen ist und die Hemmasage nicht nur auf die alte Erdmutter sondern auch auf Wilbeth (Wilhelm) hinweist... die Wilhelmskapelle im Salzburgischen, die in Brauchtum und Sage sich auf Wilbeth bezieht und die laut Spilka ein Sonnenortungsplatz gewesen ist... oder Willersbach an der Donau mit der hochgelegenen Ruine Freyenstein, die ein "Frauenstein", ein Kultplatz war...

Beim Wiener U-Bahn-Bau wurde 1985 die Katharinen-Kapelle am Stephansplatz, tief unter dem jetzigen Straßenniveau, angeschnitten. Sie wurde als älteste Kirche von Wien identifiziert, die damals auf dem steilen Bergsporn hoch über der Donau gelegen war ... Das älteste Kloster auf dem Berge Sinai ist das berühmte Katharinen-Kloster, in welchem aber im 9.Jh. Katharina gar nicht verehrt wurde, wie aus dem ersten Bericht zu entnehmen ist ... Und jedes Jahr wird am 24.12. die große Weihnachtsmette, die Geburtfeier Jesu', in der Katharinen-Kirche von Bethlehem, der Geburtskirche Jesu, gehalten -- die vielleicht in oder über der Kulthöhle errichtet ist, in welcher schon seit Jahrtausenden die Geburt der Sonne, die Geburt Gottes, gefeiert worden ist?!

 

Die "Frauenberge"

Die ältesten und im Volk beliebtesten Wallfahrten führen zu den Frauenbergen hin, auf denen jetzt fast immer schöne, barocke Marienkirchen stehen, hoch oben auf einsamen Bergen, fernab der nächsten Siedlung und oft inmitten eines weiten Wald- und Wiesengebietes. In vielen Fällen konnten in unmittelbarer Nähe vorchristliche Kultstätten archäologisch festgestellt werden, wie zum Beispiel auf dem Frauenberg bei Leibnitz in der Steiermark, wo ein kelto-römischer Tempel der "Isis Noreia" ergraben worden ist, von dem nicht nur die Fundamente vorhanden sind, sondern dessen Kultbecken zur Gänze erhalten geblieben ist und dessen Altarstein neben vielen anderen Bruchstücken aufgefunden werden konnte.

Einen ebensolchen Frauenberg gibt es bei Bruck a.d. Mur in der Steiermark, zu welchem man über eine kleine, gewundene Bergstraße hinaufkommt, die in einem einsamen, lieblichen Tal verläuft. Die sagenumsponnene Kirche, neben welcher jetzt ein Gasthaus und ein Bauernhaus sich befinden, muß über einem einsamen Mutter-Heiligtum inmitten der herrlichen steirischen Bergwelt errichtet worden sein, fernab von jeder Siedlung. Die alte Kultstätte unter dem Altar wurde bei der Renovierung abgemauert; ihre archäologische und religionshistorische Untersuchung bleibt späteren Generationen vorbehalten.

Ein weiterer berühmter und als Wallfahrtsort beliebter "Frauenberg" liegt oberhalb der großartigen Klosteranlage von Admont im steirischen Ennstal.

Zu einem jetzt nicht mehr vorhandenen Kultort auf dem "Frauenberg" bei Sonderhausen in Deutschland zieht das Volk wie eh und je am dritten Ostertag und am Himmelfahrtstag hinauf: dort stand ehemals eine längst verschwundene Kapelle "zu unserer lieben Frauen". Eine vorgeschichtliche Schicht von Scherben und Schlacke trat bei den Ausgrabungen zutage, die auf den früheren Kultort hinweist.

Auf dem Brixner Ausflugsberg Plose liegt das kleine Kirchlein "Mariahilf am Freienbühel", das durch seine "idyllische Lage in köstlicher Waldeinsamkeit", entzückt, wie Rampold schreibt und dem Wanderer einen herrlichen Blick ins Land ringsum freigibt. Aber das viel Wesentlichere ist, daß es auf einem von keiner Seite erkennbaren Bergsporn liegt, der vor Jahrtausenden ein umwallter Kultplatz gewesen sein muß, dessen Wallkanten noch deutlich sichtbar sind. Er ist als prähistorische Station sichergestellt. Von allen in der Nähe liegenden winzigen Orten führen Steige zu diesem Plateau hinauf, das den überraschenden Eindruck eines ... Hexentanzplatzes macht, auf dem unpassenderweise ein Kirchlein steht. In dieser kleinen Kirche, zu welcher die Bittgänge im Frühjahr hinführen, werden Votivgaben, meist Gliedmaßen aus Holz oder Wachs, aufbewahrt. Der auf halber Höhe von der Plose-Straße durch Kreuze gekennzeichnete Weiheweg zum Freienbühel hinauf nimmt seinen Anfang beim Hof "Pethöfer"!

Der Bergname "Freienbühel" verbirgt einen "Frauenbühel", so wie der Name der Göttin Freia einfach "Frau" bedeutete. Ähnliche Sprachentwicklungen von Frauenstein zu Freienstein usw. sind vielfach feststellbar:

St.Peter-Freienstein in der Steiermark, dessen einsame aber berühmte Hochzeitskirche auf einer spitzen Felsnadel klebt, verbirgt im Namen kaum den alten Bethenkultplatz: St.Betha auf dem Frauenstein!

An dem Steigerl zur Ruine Freyenstein an der Donau, die über der winzigen Rotte Willersbach liegt, ist der Zugang zum ehemaligen Kultbereich durch Felsen gekennzeichnet...

Die drei riesigen kopflosen Statuen der norischen Mutter, die in Kärnten noch vorhanden sind, standen ebenfalls auf Bergen oben, auf denen sich jetzt Wallfahrtskirchen, meist zu Ehren der Gottesmutter Maria, befinden. Auf dem "Mariahilf-Berg" oberhalb von Wieting nimmt Maria ganz sichtbar die alte, jetzt christliche Mutterstelle ein; und wie seit Tausenden von Jahren laden fromme Pilger vertrauensvoll die Sorgen bei ihr ab.

Als letztes Beispiel möchte ich den berühmten Wallfahrtsort der Zigeuner anführen, die sich alljährlich am 15. August, dem großen Frauentag, der das alte Muttergöttin-Fest und spätere keltische Lugnasad fortsetzt, aus aller Welt in Südfrankreich einfinden: "Les Saintes Maries de la Mer" (die heiligen Marien vom Meer). Es wird dort die Madonna in dreifacher Gestalt verehrt, was in Form von drei Marienstatuen seinen Ausdruck findet: zwei stehen im Kircheninneren; die dritte befindet sich in der Unterkirche, die sich aus der ehemaligen Kulthöhle entwickelt haben mag. Diese dritte Madonna wird nach der Meß-Feier von den Frauen aufgesucht und erhält von jeder ein frisches, sauberes Taschentuch an das Kleid geheftet, sodaß sie letztlich durch einen riesigen Berg weißer Tüchlein gänzlich verdeckt ist: das Göttinnenbildnis soll nicht geschaut und dadurch entweiht, sondern verhüllt und mit einer Opfergabe bedacht werden. Die ehrwürdige Kirche, die das Zentrum des Zigeunerfestes ist, stammt aus vorkarolingischer Zeit und muß damals wohl einer der größten christlichen Dome der Welt gewesen sein. Vom südlichsten Zipfel des salzigen Sumpflandes der Camargue schaut sie altersgrau und windumjault auf die weißgrünen, ewigen Wellen des Mittelmeeres hinaus....

 

Die Ausführungen über die "Strahlende" abschließend, die als Beherrscherin des Universums auch in der Sonne repräsentiert wurde, möchte ich noch auf die vielen nebeneinander liegenden Schwarz- und Weiß-Fluren hinweisen, die wohl auf das frühe religiöse Denken zurückgehen und die beiden extremen Göttinnen-Aspekte zum Ausdruck bringen. Man brauchte die starke, Leben und Wachstum fördernde Göttinnenhilfe der weißen Frau, man brauchte aber für Alter, Todesstunde und Wiedereintritt in diese Menschenwelt die Hilfe der schwarzen Bethe.

Die Kultplätze, die sicherlich nach Strahlungskonzepten, vermutlich auch nach der landschaftlichen Schönheit als Ausdruck der göttlichen Mutter Natur, und nach den sehr wesentlichen Sonnenauf- und -untergängen ausgerichtet waren, lagen nebeneinander. Denn die vergöttlichte Ordnung von Tag und Nacht bestimmte den Lebensrhythmus. Deshalb liegt die Weißspitze nahe der Schwarzspitze, der Weißkogel neben dem Schwarzkogel, die Weißeben bei der Schwarzeben. Und deshalb fließt parallel zum Weißenbach der Schwarzenbach; läuft das Weißental neben dem Schwarzental; und gibt es zum Weißensee auch den Schwarzensee....

Daraus ersehen wir, daß auch der deutsch sprechende Mensch noch sehr genau wußte, welche Göttin er wofür anzurufen hatte und wann er sich an wen um Hilfe wenden mußte, um von Sorgen und Kümmernissen befreit zu werden.

 

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